"Guten Morgen, Eva. Sie schauen so ernst. Was hat dieser Blick zu bedeuten?"
Ich zucke zusammen und plötzlich verschwinden alle noch offenen Gedanken-Tabs aus meinem Blickfeld. Nicht langsam. Nicht nacheinander. Sondern auf einmal.
Wie wenn man aus Versehen auf „Alle schließen“ klickt. Oder schlimmer noch: wie ein Systemabsturz. Kein Warnhinweis. Kein „Möchten Sie wirklich…?“
Ich brauche einen Herzschlag, vielleicht zwei, um zu begreifen, dass ich noch da bin. Dass ich sitze. Dass mir jemand gegenüber sitzt. Meine Therapeutin reißt mich aus meinen Gedanken. Seit einem Jahr befinde ich mich in psychotherapeutischer Behandlung. Depressionen. Aber das soll jetzt hier gar nicht das Thema sein.
Meine Therapeutin schaut mich erwartungsvoll an. Ihre Stimme klinkt sich in die Leere ein wie ein vorsichtiges Pop-up-Fenster. Ich blinzle und versuche mich daran zu erinnern, woran ich gerade gedacht habe. Wo soll ich da anfangen?
Vielleicht mit dem fast ausgearteten Krisengespräch mit meiner 11-jährigen Tochter heute Morgen im Auto auf dem Weg zur Bushaltestelle.
Supernova um Sieben
Draußen ist es noch dunkel und die Scheibenwischer kratzen monoton über die Frontscheibe, um den Regen zu vertreiben. Im Radio laufen die 7 Uhr Nachrichten, als sie darüber berichten, dass der Bundestag darüber tagt, ob der Wolf als grundsätzlich jagdbare Tierart in das Bundesjagdgesetz aufgenommen wird. "Shit!" schießt es mir sofort durch den Kopf. Neben mir auf dem Beifahrersitz bahnt sich eine präpubertäre, idealistische Supernova an.
"Sind die vollkommen irre!?", keift meine Tochter neben mir wie auf Kommando. Ich beneide sie um diese Klarheit. Diese kompromisslose Wut auf Ungerechtigkeit. Und gleichzeitig wünsche ich mir für einen kurzen Moment einfach nur Stille. Zehn Minuten. Vielleicht fünf. Wenn ich nicht auf die Straße gucken müsste, würde ich den Kopf am liebsten auf dem Lenkrad ablegen, um den nachfolgenden Ansturm zu ertragen.
Eine anhaltende Schimpftirade prasselt auf mich ein im Rhythmus mit den Scheibenwischern. "Mama, was fällt denen eigentlich ein?". Ich versuche zu beschwichtigen und ihr unterschiedliche Perspektiven näher zu bringen, doch sie hört mir nicht zu. Stattdessen muss ich mir einen sich daran anschließenden Vortrag über seltene Amur-Leoparden anhören, von denen es 2005 nur noch rund dreißig Exemplare in freier Wildbahn gegeben habe, verteilt auf so große Distanzen, dass viele von ihnen sich nie begegneten. An allem Schuld: natürlich der Mensch. Meine Tochter ist einfach so ein Weltverbesserer. Das Gespräch erinnert mich an eine Diskussion, die wir vor Jahren einmal über Weihnachtsbäume hatten. Ich lächle und schüttele den Kopf. Tatsächlich gilt der Amur-Leopard als eine der am stärksten bedrohten Großkatzen der Welt: In den frühen 2000er Jahren schätzten Forscher ihren Bestand in Freiheit auf nur etwa 25 – 40 Tiere, die so weit auseinander lebten, dass sich Begegnungen und Paarungen kaum ergaben. Heute zeigen Schutzprogramme ersten Erfolg, aber die Zahl in der Wildnis bleibt extrem gering.
Ob meine Therapeutin von der Misere der seltenen Amur-Leoparden Kenntnis hat? Vermutlich nicht.
3:48 Uhr
Oder ich könnte ihr von dem Gespräch mit meinem Sohn heute Nacht erzählen, das in einem meiner Gedanken-Tabs vor meinem geistigen Auge nochmals ablief, bevor sie mich in die Realität zurück holte. "Mami! Bist du wach?" "Mmmhhh-mmh." Ich schiebe mir die Haare aus dem Gesicht und versuche die Augen zu öffnen und schaue auf mein Handy. 3:48. Ich verspüre Muskelkater in jeder Faser meines Körpers. Ich hatte mich ja darauf eingestellt, aber jetzt würde ich am liebsten jammern wie ein kleines Mädchen. Ich hatte gestern nämlich das erste Ballett-Training seit über 11 Jahren. "Es ist mitten in der Nacht.", sage ich langsam zu ihm. "Wieso schläfst du nicht?". Mein Körper schmerzt und ich würde mich am liebsten flach auf den Fußboden im Bad hinlegen, wo die Fußbodenheizung so schön warm ist.
"Ich habe Hunger. Und mein Hals kratzt. Mama, weißt du wovor ich ganz doll Angst habe?"
Ich bin mir nicht sicher, ob ich das jetzt wirklich wissen will, drehe mich aber zu ihm und schaue ihm ins Gesicht. Große braune Augen schauen mich an: "Mami, ich habe Angst davor, dass ich gegen etwas allergisch bin und mir dann der Hals zuschwillt und ich dann ersticke." Ich nehme ihn in den Arm und denke kurz darüber nach, wie absurd es ist, dass Achtjährige nachts über Ersticken nachdenken, während andere seelenruhig schlafen. "Schau mal, erst einmal ist so eine Reaktion selten und häufig reagieren Menschen derart extrem zum Beispiel auf Erdnüsse. Das kann bei dir schon einmal nicht sein, bei der Menge an Erdnussflips, die du regelmäßig vernichtest."
Hoffe ich damit die Situation aufzulockern? Vermutlich. Davon lässt er sich aber nicht beeindrucken.
"Weißt du, Mama, es ist auch eher selten hochbegabt zu sein und gleichzeitig LRS zu haben." Touché. Ich muss lachen und ziehe ihn fester in meinen Arm: "Da hast du allerdings recht, du alter Lümmel! Kuscheln wir jetzt und versuchen noch etwas zu schlafen, bevor uns der Wecker rausschmeißt?"
"OK."
Ein weiterer Tab
Oder ich könnte ihr von dem Moment erzählen, in dem mir gestern klar geworden ist, dass ich vermutlich einen Klempner brauchen werde.
Die Temperaturen waren ein kleines bisschen gestiegen, gerade genug, um mir das trügerische Gefühl zu geben, dass jetzt vielleicht wieder Dinge möglich sind, die in den letzten Tagen schlicht keinen Platz hatten, also beschließe ich, meinem Pferd Otto endlich den Schweif zu waschen, was wirklich überfällig ist.
In der Waschbox stelle ich zunächst fest, dass das Wasser noch abgestellt ist, was mich nicht weiter überrascht, denn die letzten Tage waren kalt, und Vorsicht ist bekanntlich besser als alles andere, denke ich mir, während ich noch ganz optimistisch davon ausgehe, dass sich das Problem gleich mit einer kleinen Handbewegung erledigen lässt. Also gehe ich los, drehe das Wasser auf und habe noch den absurden Gedanken, dass es manchmal erstaunlich ist, wie oft Dinge genau in dem Moment schiefgehen, in dem man glaubt, jetzt werde alles wieder ein kleines bisschen einfacher, als es plötzlich rauscht und das Wasser nicht etwa aus dem Schlauch kommt, sondern wie ein kleiner Wasserfall die Wände hinunterläuft. Frostschaden. Keine Pferdedusche also, dafür eine überschaubare Überschwemmung und die leise Gewissheit, dass sich meine To-do-Liste gerade wieder ganz unauffällig erweitert hat.
Otto steht neben mir und schaut mich an. Seit kurzem hat er nur noch ein Auge, weil wir die Mondblindheit nicht mehr in den Griff bekommen haben, egal wie sehr wir es versucht haben, doch das scheint ihn wenig zu beeindrucken. Er steht da mit dieser ruhigen Selbstverständlichkeit eines Pferdes, das schon sehr viel gesehen hat und beschlossen hat, sich davon nicht weiter irritieren zu lassen.
Ich bilde mir ein, dass er mich mit der augenlosen Seite leicht verschmitzt anlächelt, dieses spezielle Lächeln, das sagt: Ich habe das kommen sehen (OK, jetzt reicht es wirklich Sprüche zum Sehen über ein einäugiges Pferd zu droppen), und das vermutlich weniger Mitgefühl ausdrückt als vielmehr die leise Zufriedenheit darüber, dass ihn dieser Frostschaden sehr elegant um eine Pferdedusche gebracht hat, auf die er ohnehin keine besondere Lust gehabt hätte.
Während ich noch denke, dass zumindest mein Pferd sehr genau zu verstehen scheint, wie absurd das alles manchmal ist, wird mir langsam wieder bewusst, dass ich nicht im Stall stehe, sondern in einem Sessel sitze. Keine Couch, wie in den Filmen. Ein Sessel. Stabil, unaufgeregt, mit Armlehnen, auf denen meine Hände liegen. Die Rippen erinnern mich beim Einatmen noch einmal an den Muskelkater.
Neben mir auf dem kleinen Tisch stehen eine Karaffe mit Wasser und ein Glas, unangetastet, als hätten sie geduldig darauf gewartet, dass ich zurückkomme. Daneben liegen Igelbälle, diese kleinen, stacheligen Dinger, die dabei helfen sollen, im Hier und Jetzt zu bleiben.
Bevor die Pause aber noch länger und unangenehmer wird, gebe ich meiner Therapeutin eine Antwort: "Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, ob das Holz ihres Getränkeglas-Untersetzers das gleiche Holz wie das meines Untersetzers hier auf dem Tisch ist. Die sehen nämlich sehr unterschiedlich aus." Sie wirft mir einen äußerst verwirrten Blick zu. "Ist das Ihr Ernst? Das beschäftigt sie also?" Ich nicke. Und denke gleichzeitig darüber nach, ob es wohl anstrengend sein muss, Therapeutin zu sein und sich jeden Tag in fremden Gehirnen aufzuhalten. Vor allem in solchen wie meinem.
"Ja", antworte ich, " Das ging mir gerade durch den Kopf"- (unter anderem).
Pause
Ich hangele mich durch den Tag von Termin zu Termin. Und bin froh, als der Tag sich dem Ende zu neigt. Während die Kinder sich bettgehfertig machen, nutze ich die Gunst der Stunde und lege mich flach ins Bad auf den Fußboden und schließe kurz die Augen, während meine Muskeln wohltuend unter der Wärme kribbeln. "Mama? Was machst du da? Alles in Ordnung? " Ich öffne ein Auge und sehe meinen Sohn, der über mir steht und mich fragend ansieht. "Ja. Ich liege hier nur rum.", antworte ich ohne mich weiter erklären zu wollen. Mein Sohn zuckt mit den Achseln, als ob es das Normalste der Welt wäre, was ich hier mache: "OK. Mama, ich weiß wovor ihr Erwachsenen am meisten Angst habt -
vor dem Finanzamt. Gute Nacht." Er dreht sich um und verschwindet, als hätte er mir gerade etwas sehr Wichtiges gesagt. Ich lache laut. Kurz. Unerwartet. Dann in mich hinein.
Ich bleibe liegen. Auf den warmen Fliesen und starre an die Decke, während die Fußbodenheizung leise vor sich hin arbeitet. Vielleicht ist das hier meine Form von Meditation. Ich bleibe noch einen Augenblick liegen.
Nicht, weil ich nicht aufstehen könnte, sondern weil ich es gerade genieße, dass niemand etwas von mir will.
Für einen Moment bleibt alles still.
Dann öffnen sich die ersten Tabs wieder. Ganz leise.
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